Gesundheit

Personalmangel in der Pflege: Beklatscht, gelobt und abgespeist

One Million Dreams
25. November 2020

Alle wissen: Kranken- und Altenpflegende sind unverzichtbar. Trotzdem bleiben sie völlig überlastet und schlecht bezahlt.

Die noch immer anhaltende Corona-Krise hat den Personalmangel in der Pflege, die überaus schlechten Arbeitsbedingungen und die massive Unterbezahlung der sogenannten systemrelevanten Berufe in der Pflege deutlich zutage treten lassen. Das ist in der Hauptsache ein Frauenproblem, denn beispielsweise in der Altenpflege ist das Personal zu 85 Prozent weiblich. Die restlichen, männlich besetzten 15 Prozent sind meist Führungspositionen.

Personalmangel in der Pflege: Immer mehr machen einen Bogen um Pflege-Berufe

Kein Wunder, dass es kaum Nachwuchs in diesen Berufen im Gesundheitswesen gibt. Schon heute sind etwa 25 000 Stellen in der professionellen Alten- und Krankenpflege nicht besetzt. Außerdem fehlen rund 10 000 Hilfskräfte. Die Prognosen des Statistischen Bundesamts sind aufgrund des demografischen Wandels düster. Laut Statista könnten bis 2035 500 000 Fachkräfte in der Pflege fehlen. Es ist höchste Zeit, diesen Berufen mehr Wertschätzung entgegenzubringen, auch finanziell. Schließlich sind sie es doch, die uns in der Not versorgen.

Nina Böhmer (28), Krankenschwester: „Nachts mit 40 Patienten allein, das ist fahrlässig!“

Nina Böhmer verlangt bessere Bedingungen auf den Stationen. Bild: Privat

„Unser Beitrag zum Wirtschaftswachstum beträgt null Komma nichts. Alles, was wir tun, ist, Kranke und Hochbetagte zu unterstützen. Das ist unbezahlbar. Manchmal denke ich, Autos sind in Deutschland wichtiger als Menschen. Denn in der Autoindustrie verdient man deutlich mehr. Das finde ich ungerecht. Bei uns ist der Druck unglaublich hoch, wenn wir mal wieder in Mini-Besetzung auf der Station arbeiten. Ganz abgesehen von der körperlichen und psychischen Belastung. Nachts ist eine Pflegekraft für bis zu 40 Patienten verantwortlich. Das ist fahrlässig. Wenn drei Patienten gleichzeitig klingeln, muss ich entscheiden, wohin ich gehe. Die Bedingungen müssen besser werden, sonst macht diesen Job bald niemand mehr!“ 

Zum Weiterlesen „Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken“ von Nina Böhmer, Harper-Collins, 10 Euro

Nicole Holtvoigt (43), Intensivpflegerin: „So möchte man nicht alt werden“

„Seit ich 16 war, habe ich in der Altenpflege gearbeitet. Die Bedingungen werden immer unwürdiger. Kolleginnen und Kollegen sind schon neben mir zusammengebrochen, weil sie nicht mehr konnten. Viele meldeten sich immer wieder krank. Ersatz gibt es selten. Es ist eine reine Abfertigung der Alten. Weil die Zeit fehlt, werden Patienten nicht mehr mobilisiert, obwohl das wichtig wäre. So möchte man nicht alt werden! Ich habe mich weitergebildet und arbeite jetzt als freiberufliche Intensivpflegerin. Die Bedingungen sind deutlich besser. Ich habe Zwölf-Stunden-Schichten und kann mich mit aller Sorgfalt um eine ALS-Patientin kümmern. Wenn ich Feierabend mache, habe ich das gute Gefühl, sie optimal versorgt zu haben und für sie da gewesen zu sein. Sollte das nicht mehr möglich sein, würde ich umschulen.“

Yvonne Falckner (45), Krankenschwester: „Nach 7 Jahren können viele nicht mehr“

„Es ist eigentlich so ein schöner Beruf! Aber was die Zukunft der Pflege angeht, sind die Zahlen schockierend. Die Abbrecherquote liegt bei 30 Prozent. Diejenigen, die die Ausbildung abschließen, bleiben maximal sieben Jahre im Job. Die Abwertung ist enorm. Das hat meiner Meinung nach gesellschaftliche Gründe. Das Prinzip ‚Höher, schneller, weiter‘ funktioniert hier nicht. Krankheit, Alter und Tod sind rückwärtsgerichtet. Laut aktuellen Umfragen würden nur noch vier Prozent diesen Beruf erlernen, was wohl auch an der fehlenden Wertschätzung liegt. Es ist ein Armutszeugnis für unser Land, dass die Pflegekräfte alleingelassen werden. Sie sind das Fundament unserer Gesellschaft. Pflege geht uns doch alle an.“ Yvonne Falckner holt

Pflegekräfte auf die Bühne und verleiht ihnen dadurch eine Stimme. Infos: www.careslam.org, 28.10.2020 2/12

Personalmangel in der Pflege: Die Politik versprach mehr Lohn, zahlt aber nur eine Prämie

Die Corona-Helden hätten „nicht nur warme Worte, sondern langfristig bessere Löhne verdient“ – da war sich die Politik einig. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnte, wir sollten uns erinnern, „was unverzichtbare Arbeit wirklich wert sein muss“. Die von Gesundheitsminister Jens Spahn versprochene steuerfreie Corona-Prämie von 1500 Euro ist beschlossen. Zwei Drittel finanziert der Bund über die Pflegekassen, ein Drittel müssen die Länder dazugeben. Die Prämie geht allerdings nur an Altenpflegende – Pflegekräfte in Krankenhäusern bekommen nichts. Schleswig-Holstein und Bayern haben sich entschieden, einen Bonus für alle Krankenpflegekräfte zu finanzieren. In den anderen Bundesländern entscheiden die Krankenhäuser jeweils freiwillig, ob sie Angestellten eine Prämie zahlen. Eine Einmalzahlung an alle der insgesamt 1,7 Millionen Alten- und Krankenpfleger in Deutschland hätte den Bund rund 2,55 Milliarden Euro gekostet. Zum Vergleich: Das Rettungspaket der Lufthansa kostet neun Milliarden Euro, das Konjunkturpaket der Bundesregierung sogar 130 Milliarden Euro.

Wir haben nachgefragt: Umfrage zum Personalmangel in der Pflege 

Die Umfrage zeigt: Pflegepersonal wird in der Gesellschaft hoch geschätzt. Bild: Sasirin Pamai / EyeEm

Finden Sie auch, dass Pflegekräfte mehr Wertschätzung bekommen sollten? Wir haben bei unseren Leserinnen auf Facebook nachgefragt. Alle waren sich einig:

Wie liebevoll sie sich kümmern

„Wenn ich sehe, wie liebevoll und zeitaufwendig sich der Pflegedienst um meine 96-jährige Omi kümmert, muss ich definitiv sagen: Ja!“ – Mela L.

Irrsinn, was andere verdienen

„Man sieht gerade jetzt, auf wen es ankommt. Ärzte, Krankenschwestern, Pflegekräfte – ohne die geht es nicht. Ich finde es Irrsinn, wie viel Geld Sportlern oder Managern gezahlt wird. Wenn’s hart auf hart kommt, können die uns nicht retten. Ein wenig die Waagschalen ausgleichen wäre schon lange mehr als notwendig.“ – Elke B.

Anspruchsvolle Arbeit

„Eigentlich sind alle sozialen Berufe unterbezahlt! Ich bewundere Kranken- und Altenpfleger, dass sie ihre anspruchsvolle Arbeit unter diesen Bedingungen machen.“ – Jasmin J.

Das ist oft Schwerstarbeit

„Es geht um Menschen, die zu betreuen sind, das ist oft körperliche Schwerstarbeit. Dazu bleiben für jeden Patienten nur wenige Minuten zur Pflege. Persönliche Ansprache bleibt da doch vollkommen auf der Strecke. Das dürfte nicht sein.“ – Emmi H.

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