Bildung

Schule der Zukunft: Ideen wie diese braucht das Land!

Sibylle Royal
25. November 2020

Diese Vorreiter haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie zeigen, wie schon heute Bildung für morgen aussehen kann. Wir stellen die verschiedenen Schulen der Zukunft und ihre Ideen vor.

Lehrinhalte an der frischen Luft können genauso gut vermittelt werden und bleiben besser im Kopf.

Endlich wieder Schule! Wer hätte vor Corona gedacht, dass unser Nachwuchs sich das mal wirklich wünscht? Gleichzeitig zeigte die Ausnahmesituation auch, wie überfällig ein Aufbruch im Schulwesen ist. Während manche wegweisend unterrichteten, hielten andere während des Lockdowns kaum Kontakt zur Schülerschaft.

Die ersten Kinder sitzen jetzt wieder im Klassenzimmer

Unterricht wie in normalen Zeiten, bei dem der volle Stoff vermittelt wird, ist das Ziel von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek fürs neue Schuljahr. Und dass die Digitalisierung an den Schulen schneller vorankommt. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, fragt sich auch Verena Pausder, Unternehmerin und Vorständin von Digitale Bildung für Alle e.V. sowie Mitglied im Innovation Council der Regierung. Die dreifache Mutter hielt sich nicht mit Jammern auf. Pausder tat und tut alles dafür, damit wir heute mit der Schule von morgen starten. Wie die aussehen soll, erklärt sie im tina-Interview. 

tina: Wie erging es Ihnen als dreifache Mutter im Corona-Lockdown?

Verena Pausder: Ich fand es superanstrengend. Unsere Kinder sind zwölf, zehn und drei Jahre alt. Ein Kita-Kind, zwei Schulkinder. Urplötzlich mussten wir Job und Homeschooling unter einen Hut bringen. Eltern genervt, Kinder genervt: Eine schwierige Situation für alle in Deutschland! Natürlich kann man nicht erwarten, dass Schulen auf eine Pandemie vorbereitet sind. Aber was uns wunderte, war die fehlende digitale Infrastruktur! Seit Jahren reden wir darüber, und doch ist nur ein Bruchteil der Milliarden aus dem Digitalpakt in den Schulen angekommen.

Warum liegt Ihnen das Thema Schule so am Herzen?

Ich sehe die Gefahr, dass Kinder zwar den ganzen Tag digitale Inhalte konsumieren, aber keine Gestalter der Zukunft sind. Sie nutzen Apps, können diese jedoch nicht selbst kreieren. In ihrem digitalen Alltag ist das Smartphone hauptsächlich ein Gameboy. Die Schule muss hier mehr leisten.

Dank Corona wurde der Ruf nach Digitalisierung der Schulen lauter denn je. Zu Recht?

Corona brachte eine Art Weckruf, der längst überfällig war. Dadurch kamen wir in den Genuss der besten flächendeckenden Fortbildungsmaßnahme, die wir uns hätten wünschen können …

… und die Sie ganz praktisch unterstützen! Wie kamen Sie auf die Idee zur Hilfestellung?

An jenem Wochenende, als Angela Merkel verkündete, dass ab Montag alle Schulen geschlossen würden, erhielt ich ganz viele E-Mails von Eltern und Lehrern. Alle wollten wissen, welche digitalen Werkzeuge sie für den virtuellen Klassenraum nutzen könnten. Statt allen einzeln zu antworten, dachte ich: Warum bündelst du nicht dein Wissen auf einer Website? Die Inhalte der Lernplattform unter www.homeschooling-corona.com richten sich an Schülerinnen und Schüler genauso wie Eltern und Lehrkräfte und wurden Hunderttausende Male aufgerufen. Ich erhielt Feedback ohne Ende. Deshalb veranstalteten wir im Juni mit der Unterstützung von Bundesregierung und Kultusministerkonferenz einen „Bildungs-Hackathon“: Mehr als 6000 Teilnehmer dachten dabei über die Schule der Zukunft nach.

Und wie soll die Schule der Zukunft aussehen? Welche Ideen haben Sie?

Sie ist digital angebunden mit WLAN, Software und dafür ausgebildeten Lehrern. Das ist die Grundvoraussetzung für eine sinnhafte Verzahnung von analoger und digitaler Bildung an Schulen. Dann muss der Lehrplan dringend entrümpelt werden. Da steht so viel Stoff drin, dass kaum Raum für Kreativität bleibt. 

Wie soll denn stattdessen gelehrt werden?

Fächerübergreifend zu aktuellen Themen! Wäre Bildung realitätsnäher und böte der Lehrplan mehr Freiraum, könnten Kinder unterschiedlichste Zukunftskompetenzen erwerben. Wie erkenne ich Fake News? Was sind seriöse Quellen? Plötzlich sind ganz andere Themen wichtig. Lehrer von morgen sind keine Wissensvermittler mehr, sondern Lernbegleiter. Wissen können sich die Kinder heute schon auf vielen Wegen selbst anlesen, aber in der Schule müssen die Infos diskutiert werden. Denn am Ende müssen aus den Schülerinnen und Schülern mündige Bürger werden – keine Menschen, die alles Vorgekaute nachplappern.

Digitalisierung allein ist also auch nicht das Allheilmittel, oder?

Nein, auch soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Frustrationstoleranz, Problemlösungskompetenz und Empathie müssen gestärkt werden, gerade weil die Digitalisierung unseren Alltag immer stärker durchdringt. Das zeigte Corona ja auch: Computer können die sozialen Kontakte und die Lehrer im Schulalltag nicht komplett ersetzen. Viele Kinder berichteten, dass ihnen die persönlichen Kontakte fehlen. Wir brauchen einfach beides!

Ihr Wunsch fürs neue Schuljahr? 

Job und Homeschooling unter einen Hut zu bringen ist für viele nicht einfach. Im neuen Jahr muss ein Plan her, wenn der Regelbetrieb mal wieder ausfällt. Bild: IStock

Dass die Kultusministerien einen Plan in der Schublade haben, was man im Fall einer erneuten Schulschließung tut. Und damit meine ich weniger das Hygienekonzept als vielmehr: Wie sind die Kinder zu Hause mit ihrer Schule verzahnt? Was machen die, deren Eltern nicht helfen können? Wie sieht ein Regelbetrieb aus, wenn die Pandemie wieder aufflammt?

Und was sollte die Zukunft hervorbringen?

Eigenständige Denker! 65 Prozent der heutigen Grundschüler werden in Berufen arbeiten, die wir noch gar nicht kennen. Schule kann also nicht alle Fachkompetenzen für die Zukunft vermitteln, aber wie man Probleme gemeinsam löst! Denn die werden künftig so komplex sein, dass einer allein es nicht mehr schafft. Kinder werden zwar weiter „Faust“ lesen, halten ihre Analyse aber digital fest und reichen sie an Mitschüler weiter, die sie um eigene Gedanken ergänzen. Am Ende steht eine Analyse, die wesentlich umfassender ist als das, was wir früher verfassten. Wir schaffen also nicht „Faust“ ab, sondern denken ihn neu.

Schule der Zukunft: 3 Ideen, die Schule machen sollten

Lehrpläne entrümpeln, den Unterricht ins Freie verlegen und dank Digitalisierung ganz neue Unterrichtsprojekte umsetzen – die Möglichkeiten der Bildung von morgen sind groß. Genau das machen diese Schulen der Zukunft vor und überzeugen mit Ideen und Engagement.

Englisches Institut Heidelberg: Draußen bleibt Wissen im Kopf

Laaangweilig“, stöhnt hier keines der Kinder des Gymnasiums Englisches Institut. Denn zur Pflanzenbestimmung werden keine Bücher im stickigen Klassenzimmer gewälzt. Nein, einmal die Woche unterrichtet Uta Gade (48) ihre Klasse auf Wiesen und Wäldern rund um Heidelberg. „So erleben Kinder Lehrstoff hautnah, und das neu erfahrene Wissen bleibt besser im Kopf.“ Seit sieben Jahren begleitet Gade begeisterte Fünftklässler zum Outdoor-Unterricht. „Ständig still sitzen, das kann doch nicht kindgerecht sein!“ – das stand am Anfang der preisgekrönten Idee. „Draußen lässt sich sinnvoller fächerübergreifend lehren, und die Kinder können sich besser konzentrieren“, erklärt Gade. Mit Blick auf die Studienlage attestiert Dr. Christoph Mall von der TU München dem Freiluftklassenzimmer, dass man ausgewählte Lehrinhalte an der frischen Luft genauso gut vermitteln könne wie drinnen. Vielleicht macht das Konzept ja sogar Schule in den kommenden Monaten: „Outdoor-Erziehung bringt auf jeden Fall eine Entzerrung und schafft Freiräume im Corona-Schulalltag“, sagt Gade. Den Schlussgong sehnt sich mittwochs bei der 5a jedenfalls niemand herbei.

Gebrüder-Grimm-Schule Hamm: Lob gehört hier zum Konzept

Neugier bestimmt das Lernen an dieser Grundschule mitten im sozialen Brennpunkt: In Projekten beschäftigen sich die Kleinen mit Themen wie Ägypten oder Astronomie. „Dabei merken sie vielleicht: Ich möchte mehr über Sterne erfahren, kann aber nicht gut genug lesen! Also muss ich das wohl üben …“, sagt Direktor Frank Wagner. Gleichzeitig lernt jedes Kind im eigenen Tempo mit individuellen Lernzeitplänen. Statt ständig auf Noten zu schielen, schaut das Kollegium zuerst nach Stärken: Wertschätzung, die im Alltag oft fehlt. Komplimentekarten werden verteilt und Lobbriefe – zu Corona-Zeiten per Videobotschaft. „So engagieren sich die Kinder auch stärker in anderen Bereichen. Und damit das in die Schulzeit passt, wurde knallhart Stoff aus dem Lehrplan geschmissen.“ Während des Lockdowns hielten alle per Telefon und Video-Chat Kontakt. „Danach simulierten wir im Klassenzimmer digitales Lernen, damit alle fit sind, falls es wieder so weit kommt.“ Engagement, das sich auszahlt: In Vergleichsarbeiten liegt die Gebrüder-Grimm-Schule weit über dem Landesschnitt.

Ernst-Reuter-Schule Karlsruhe: Ein Wunderland im digitalen Alltag

Ernschtle“ heißt die mehrfach preisgekrönte Schülerzeitung aus Karlsruhe. Und sie spiegelt perfekt den Innovationsgeist an der badischen Ernst-Reuter-Schule: „Ernschtle“ erscheint nämlich klassisch auf Papier, als Blog und per eigenem YouTube-Kanal! „Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft. Also müssen wir auch unsere Schüler auf das sich verändernde Leben vorbereiten“, sagt Rektor Micha Pallesche. WLAN auf dem gesamten Campus, interaktive Tafeln, schuleigene Tablets: An der ganztägigen Gemeinschaftsschule wird analog und digital gearbeitet – auch außerhalb der Klassenzimmer: „Warum nicht Aufgaben online im Freien lösen?“ 

Lange vor Corona richtete die mehrfach prämierte Ernst-Reuter-Schule eine eigene Lernplattform samt Schul-Cloud ein. Und weil ein Drittel des herkömmlichen Unterrichts für eigenständiges Arbeiten reserviert ist, taten sich die Kinder im Lockdown leichter damit. Doch Technik wird hier nicht nur konsumiert, Jugendliche erstellen auch eigene digitale Produkte: etwa Erklärvideos für Mitschüler, Podcasts und Filmchen. Gruppenarbeit funktioniert per Video-Chat auch vom heimischen Schreibtisch – wer dort kein eigenes Gerät besaß, bekam ein Tablet geliehen. Pallesche: „Die Krise hat das Brennglas auf die Herausforderungen unseres Systems gelegt. Und darauf, dass Bildungserfolg bei uns noch immer vom Elternhaus abhängt.“ Dafür fand man hier mit dem Okay des Bildungsministeriums eine pragmatische Lösung: Ausgewählte Kinder wurden trotz Lockdown im Präsenzunterricht beschult. 

Vor wenigen Wochen erhielt nun das schuleigene „Wunderland“ den Zukunftspreis: Als Gegenpol zur digitalen Welt wurde schon vor Jahren das Fach Leben eingeführt. Kinder übernehmen dabei so verantwortungsvolle Jobs wie Freudenbereiter oder Müllpolizist und Dienste mit „Kümmerer-Haltung“, etwa auf einem Tier-Gnadenhof. Wie man frühere Horträume neu nutzen könnte, konzipierten Kinder mit Eltern, Lehrern und der Nachbarschaft gemeinsam. So Corona es zulässt, öffnet nach den Sommerferien wieder das Filmstudio, ein Achtsamkeitsraum mit Mini-Zen-Garten und Box-Sack und das Mehrgenerationen-Café, wo Wissen ausgetauscht wird. Während des Lockdowns meldete sich der Rektor jeden Donnerstag mit einem SOS-Filmchen aus der verwaisten Aula, und ein Fernorchester aus Kindern, Eltern und Kollegium spielte im Video-Chat „Ode an die Freude“. „Es braucht eine spürbare Gemeinschaft, damit eine Schule fürs Leben lehrt“, ist Pallesche überzeugt.

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